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moment in time
Augenblicke bei Elisamara
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G S C H I C H T E N
D I E T A S C H E N U H R

Sein ganzes Leben lang hatte er sich eine dieser
Taschenuhren gewünscht.
Eine dieser Uhren, die er, wie ein vornehmer Mann
aus seiner Westentasche ziehen konnte und die an einer Kette befestigt
war. Sie verlieh dem Mann der sie trug eine gewisse Würde und
Wichtigkeit.
Sein Leben war nicht leicht gewesen, mehr von
Schatten als von Licht geprägt ... Doch an Eines hatte er sich noch viele
Jahre erinnert, bis auch das von der Dunkelheit und Ohnmacht seines
Alltags geschluckt worden war.
Ein Weihnachten an dem ein Onkel mit einer funkelnden Taschenuhr zu
Besuch gekommen war. Eines der wenigen Jahre seiner Kindheit, an dem
Weihnachten nach Fülle, Wärme, Licht und Heimat gerochen hatte.
Aber dann war die Zeit je zerbrochen, Verlust der
Eltern, Krieg, Verwundung, Hunger. Als der Schmerz in seinem Herzen unerträglich
geworden war, hatten ihn die Menschen in eine Krankenanstalt gesperrt.
Er wäre krank, sagte man, was er selbst kaum so empfinden konnte.
Er war verwundet in seinem Herzen und die Angst
war sein ständiger Begleiter geworden. Aber nur weil er Angst hatte und
zugegeben schon mal aus diesem Gefühl heraus, einige scheinbar
unsinnige Dinge getan hatte, weggesperrt - gefangen?
Anfangs hatte er sich noch aufgelehnt, aber bald reichte die Kraft
nicht mehr. Und die Angst war nicht kleiner geworden in diesen dreißig
Personen großen Schlaf - und Essräumen.
Hinzugekommen waren Gefühle von Ohnmacht und unendlicher Einsamkeit und
nur noch selten, war für einige Augenblicke sein Eigenwille
aufgeblitzt. Er hatte sich gefügt. Vergessen und verlernt hatte er in den fünfzig
Jahren seither zu Wünschen und tief vergraben, nicht mehr wichtig, der
Gedanke an diese Zeit der Wärme. Eine schier endlose Zeit war
verstrichen und er konnte sich kaum an glückliche Momente erinnern. Jetzt verließen ihn seine Kräfte nach und nach
immer mehr. Er war alt geworden und zerbrechlich, weiß sein Haar.
Nach seinem Krankenhausaufenthalt im letzten Jahr
hatte er noch einmal alle Kräfte mobilisiert und dafür gekämpft
zurückkehren zu können an diesen Ort, an dem er jetzt seit drei Jahren
lebte. Es war plötzlich wieder etwas wichtig geworden, es war schön
hier, warm und ein Stück Heimat - Heimatgefühle an die er sich jetzt
auch wieder erinnern konnte.
Das Herz begann aufzutauen, die Tage waren
lichtvoller. Es war erlaubt wieder Wünsche zu fühlen und vor einem Jahr
hatte er es gewagt von seinem Wunsch nach einer Taschenuhr zu sprechen.
Nicht das dieser Wunsch noch in Erfüllung gehen konnte, er besaß nichts
und er war auch so zufrieden. Es tat nicht mehr weh an diesen unerfüllten Wunsch
zu denken und große Zufriedenheit erfüllte ihn schon dann jeden Tag,
wenn er ohne Erwartungen erfüllen zu müssen seinen Lolly im Mund auf
der Gartenbank sitzen konnte. Er war zufrieden damit noch seine
eigenen, winzigen, schlurfenden Schritte gehen zu können.
Schwach war er geworden, aber an guten Tagen
freute er sich, wenn er etwas in der Küche helfen konnte, auch wenn die
Betreuerinnen sich dann sorgten.
Er verstand sie schon, seine Haut an den Händen war so durchsichtig und
zerbrechlich geworden, sein Gewicht betrug nur noch knapp 50 kg und
seine immer noch dichten Haare waren inzwischen silberweiß.
Doch es war eine Freude für ihn teilhaben zu
können. Hingebungsvoll deckte er den Tisch und er wollte sich für all
das Schöne was er in den letzten Jahren erlebt hatte und dafür das sie
ihn aus dem Krankenhaus zurückgeholt hatten und nicht wieder ins Heim
gegeben hatten, bedanken.
Und wie er sich in den letzten Jahren immer
gefreut hatte auf Weihnachten.
Es duftete nach Bratäpfeln, Glühwein, Zimt, Kuchen und Braten und er
als "Zuckermäulchen" durfte endlich so viel von all den herrlichen
Sachen essen wie er wollte und konnte.
An Heiligabend wurde im großen Wohnraum ein
riesiger Tannenbaum aufgestellt und jeder durfte ihn schmücken helfen.
Und dieses wunderbare Festessen - Bratenduft, Ente, Klöße und sogar ein
Gläschen Sekt durfte er trinken.
Dazu gemeinsame Lieder und Geschichten und die Bescherung ließen den
Tag wahrlich zu einem Fest werden.
In diesem Jahr hatten nur zwei kleine Päckchen an seinem Platz gelegen.
Und er war zu schwach gewesen um sie alleine auspacken zu können. Die
Betreuer hatten ihm ins Bett helfen müssen.
Doch dann hatte er seinen Augen nicht getraut als
er sein Geschenk sah. Der Wunsch seiner Kindheit hatte sich erfüllt - er
hatte an seinem letzten Weihnachtsfest eine eigene Taschenuhr mit Kette
bekommen.
Ein fast überirdisches Leuchten lag auf seinem
Gesicht als er im Bett liegend, seine Uhr nicht aus den Händen und den
Augen ließ.
Die Zeit hatte sich vollendet, der Kreis war
geschlossen. Die Uhr stand für Vieles was er sich gewünscht hatte, für
die Wärme, das Licht und das Gefühl von Heimat was er in seinen letzten
Jahren noch erleben durfte. Und es herrschten Staunen und Frieden in seinem
Herzen und legte sich über sein ganzes Wesen.
Advent 2006 in Erinnerung an eine wahre
Begebenheit, die zeigt wie wenig es manchmal nur braucht um etwas
Frieden, Licht und Liebe in ein Leben zu bringen. Der alte Herr starb einige Monate später in
Frieden und ohne Angst und konnte bis zu seinem letzten Tag in seinem
neuen Heim bleiben.
© copyright dezember 2006 by elisamara
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